Was ist der Große Neustart? Unternehmenssozialismus

 

Von Michael Rectenwald
Übersetzung©: Andreas Ungerer (zur Komplettierung der gleichlautenden 5-teiligen Serie bei Konjunktion.info)

12. Dezember 2020, MISES INSTITUTE
Wie ich im ersten Teil der Reihe, „Was ist der Große Neustart?“, bereits erläutert habe, würde der Great Reset, wenn es nach seinen Architekten geht, Veränderungen in fast allen Lebensbereichen mit sich bringen. Hier werde ich mich auf die wirtschaftlichen Aspekte des vom Weltwirtschaftsforum (WEF) propagierten Great Reset beschränken sowie auf die jüngsten Entwicklungen, die diese Pläne vorantreiben.

Wie Friedrich August von Hayek* in seinem einleitenden Essay zu Collectivist Economic Planning* vorschlug, kann der Sozialismus in zwei Aspekte unterteilt werden: den Zweck und die Mittel.1 Das sozialistische Mittel ist die kollektive Planung, während der Zweck, zumindest im proletarischen Sozialismus, das kollektivierte Eigentum von Produktionsmitteln sowie die „gleiche“ oder „gerechte“ Verteilung von deren Endprodukte ist. Indem er zwischen diesen beiden Aspekten unterscheidet, deutet Hayek, unter Umgehung der Ziele und der Konzentration auf die Mittel an, daß die kollektivistische Planung im Dienste anderer Ziele als der mit dem proletarischen Sozialismus verbundenen eingesetzt werden kann: „Eine aristokratische Diktatur zum Beispiel kann dieselben Methoden anwenden, um die Interessen einer rassischen oder anderen Elite zu fördern oder im Dienste eines anderen entschieden inegalitären Ziels „2. Wenn ein Markt für die Produktionsfaktoren beibehalten wird, würde das Kalkulationsproblem nicht unbedingt gelten.

Das Ziel der  Planer des Great Reset besteht nicht in der Zerstörung der Märkte für die Produktionsfaktoren. Vielmehr beabsichtigen sie die Übernahme des Besitzes und der Kontrolle der wichtigsten Faktoren durch die bereits am „Stakeholderkapitalismus“ teilnehmenden Kräfte.3 Die produktiven Aktivitäten jener Interessenvertreter würden sich an den Richtlinien einer Regierungskoalition orientieren, die eine einheitliche Mission und eine einheitliche Politik verfolgt, insbesondere an der vom WEF selbst dargelegten.

Auch wenn es sich bei diesen Unternehmensakteuren nicht unbedingt um Monopole handeln muß, besteht das Ziel des WEF darin, diesen Unternehmensakteuren so viel Kontrolle über Produktion und Vertrieb wie möglich zu übertragen, um letztlich Produzenten zu eliminieren, deren Produkte oder Prozesse bezüglich der Wünsche der Globalisten für eine „gerechtere, grünere Zukunft“entweder als unnötig oder als feindlich betrachtet werden. Natürlich würde dies Einschränkungen für Produktion und Konsum bedeuten und ebenso den Spielraum für Regierungen zur Durchsetzung solcher Einschränkungen erweitern – oder, wie Klaus Schwab im Zusammenhang mit der COVID-Krise gesagt hat, „die Rückkehr der großen Regierung“4 – als ob die Regierung nicht schon immer groß gewesen und immer größer geworden wäre.

Schwab und das WEF propagieren den Stakeholder-Kapitalismus gegen einen angeblich grassierenden „Neoliberalismus“. Neoliberalismus ist ein Schimpfwort, das für alles steht, was Linke an der bisherigen sozioökonomischen Ordnung für falsch halten. Er ist der gemeinsame Feind der Linken. Natürlich ist der Neoliberalismus – den Schwab grob als „Korpus von Ideen und Politiken, die grob als Bevorzugung des Wettbewerbs gegenüber der Solidarität, der schöpferischen Zerstörung gegenüber staatlichen Eingriffen und des Wirtschaftswachstums gegenüber der sozialen Wohlfahrt definiert werden können“5 bezeichnet – nur ein Strohmann. Schwab und Co. stellen den Neoliberalismus als Quelle unserer wirtschaftlichen Probleme hin. In dem Maße jedoch, in dem der „Antineoliberalismus“ im Spiel war, war die staatliche Bevorzugung von Industrien und ihren Akteuren (oder des Korporatismus*) und nicht der Wettbewerb die Ursache für das, was Schwab und Konsorten beklagen. Der Great Reset würde die Auswirkungen des Korporatismus [oder Konzerndiktatur] demnach noch verstärken.

Nichtsdestotrotz besteht das Ziel des WEF keineswegs darin, alle Aspekte der Produktion zu planen und somit alle individuellen Aktivitäten zu steuern, sondern vielmehr darin, die Möglichkeiten für individuelle Aktivitäten einzuschränken, einschließlich der Aktivitäten der Verbraucher – durch die Verdrängung von bisher innerhalb der Industrie existenten Industrien und Produzenten aus dem Wirtschaftsleben. „Jedes Land, von den Vereinigten Staaten bis China, muß sich beteiligen, und jeder Industriezweig, von Öl und Gas bis hin zur Technologie, muß umgestaltet werden“.6

Hayek erläuterte, „als das mittelalterliche Zunftwesen auf seinem Höhepunkt und die Beschränkungen für den Handel am umfassendsten waren, wurden sie nicht als Mittel zur Lenkung der individuellen Tätigkeit eingesetzt“.7 Ebenso zielt der Große Neustart nicht auf eine streng kollektivistische Planung der Wirtschaft ab, sondern empfiehlt und fordert neo-feudalistische Beschränkungen, welche diesbezüglich alles seit dem Mittelalter in den Schatten stellen würden – abgesehen vom Staatssozialismus selbst. Im Jahr 1935 stellte Hayek fest, daß die damaligen wirtschaftlichen Beschränkungen bereits zu Marktverzerrungen geführt hatten:

„Mit unseren Bemühungen, den alten Apparat des Restriktionismus als Instrument der fast täglichen Anpassung an den Wandel zu nutzen, sind wir wahrscheinlich schon viel weiter in Richtung einer zentralen Planung der derzeitigen Abläufe gegangen, als es jemals zuvor versucht worden ist …. Es ist wichtig, bei jeder Untersuchung der Planungsmöglichkeiten zu erkennen, daß die Annahme des heute existierenden Kapitalismus als Alternative ein Trugschluß ist. Vom Kapitalismus in seiner Reinform sind wir sicherlich ebenso weit entfernt wie von einem System der zentralen Planung. Die heutige Welt ist ein einziges interventionistisches Chaos.“8

Wie viel weiter würde uns der Great Reset dann in Richtung der unter dem Feudalismus geltenden Restriktionen führen, einschließlich des dem Feudalismus innewohnenden ökonomischen Stillstands!

Ich nenne diese Art von Neofeudalismus „Unternehmenssozialismus“ – nicht nur, weil die Rhetorik, mit der um Anhänger geworben wird, der sozialistischen Ideologie entstammt („Fairneß“, „wirtschaftliche Gleichheit“, „kollektives Wohl“, „gemeinsames Schicksal“ usw.), sondern auch, weil die angestrebte Realität eine de facto monopolistische Kontrolle der Produktion durch die Eliminierung nicht konformer Produzenten ist – d. h. eine für den Sozialismus charakteristische Tendenz zur Monopolisierung der Produktion. Diese Eingriffe würden nicht nur zu dem bereits bestehenden „interventionistischen Chaos“ beitragen, sondern die Märkte in einem Maße verzerren, wie es außerhalb der zentralisierten sozialistischen Planung an sich noch nie vorgekommen ist. Die Eliten könnten versuchen, a priori die Bedürfnisse und Wünsche der Verbraucher zu bestimmen, indem sie die Produktion auf akzeptable Waren und Dienstleistungen beschränken. Sie würden auch die Produktionsabläufe auf jene beschränken, die für die Regierungen und Produzenten, die sich in das Programm einkaufen, akzeptabel sind. Die zusätzlichen Vorschriften würden mittlere und kleine Produzenten aus dem Geschäft drängen oder in den Schwarzmarkt treiben, soweit Schwarzmärkte unter einer digitalen Währung und einem stärker zentralisierten Bankwesen überhaupt existieren könnten. Als solche würden die Beschränkungen und Vorschriften zu einem statischen kastenartigen System mit Unternehmensoligarchen an der Spitze und einem „real existierenden Sozialismus „9 für die große Mehrheit darunter führen. Wachsender Reichtum für einige wenige, „wirtschaftliche Gleichheit“ unter reduzierten Bedingungen, einschließlich eines universellen Grundeinkommens, für den Rest.

Die Coronavirus-Lockdowns, Die Unruhen und der Unternehmenssozialismus

Die COVID-19-Lockdowns und in geringerem Umfang die Unruhen der Linken, haben uns in Richtung Unternehmenssozialismus geführt. Die von Gouverneuren und Bürgermeistern durchgesetzten drakonischen Lockdown-Maßnahmen und die von den Unruhestiftern angerichteten Zerstörungen habe genau das bewirkt, was die vereinigten Sozialisten, wie die des WEF, bezweckt haben. Abgesehen von der Destabilisierung des Nationalstaats, helfen diese Strategien und Politik bei der Zerstörung von Kleinunternehmen und vernichten damit die Konkurrenz.

Wie die Foundation for Economic Education (FEE) [Stiftung für ökonomische Bildung] unterstreicht, stellen die Lockdowns gemeinsam mit den Unruhen einen Doppelschlag dar, der Millionen von Kleinunternehmen – „das Rückgrat der amerikanischen Wirtschaft“ – in ganz Amerika zum Erliegen bringt. Die FEE hat berichtet:

„7,5 Millionen Kleinunternehmen in Amerika laufen Gefahr, ihre Türen für immer zu schließen. Eine neuere Umfrage hat gezeigt, daß selbst mit Bundeskrediten fast die Hälfte aller Kleinunternehmer sagen, daß sie für immer aufgeben müssen. Die Folgen sind bereits gravierend. Allein in New York haben Quarantäneanordnungen die dauerhafte Schließung von mehr als 100.000 Kleinunternehmen erzwungen.“10

Derweil gibt es, wie die FEE und andere festgestellt haben, keinerlei Hinweise darauf, daß die Lockdowns die Verbreitung des Virus verlangsamen. Gleichermaßen gibt es keinerlei Hinweise darauf, daß Black Live Matters dem Leben von Schwarzen nutzt. Wenn die aufrührerischen und mörderischen Aktionen von Black Lives Matter und Antifa etwas bewiesen haben, dann, daß das Leben von Schwarzen Black Lives Matter nicht interessiert. Abgesehen von der Ermordung Schwarzer, haben die Unruhestifter von Black Lives Matter und der Antifa enormen Schaden an Betrieben von Schwarzen und deren Stadtteilen angerichtet, und an dem Leben von Schwarzen.11

Während kleine Unternehmen durch die Kombination aus drakonischen Abriegelungen und randalierendem Wahnsinn zerschlagen wurden, sind Unternehmensgiganten wie Amazon gediehen wie nie zuvor. Wie die BBC feststellte, haben mindestens drei der Tech-Giganten – Amazon, Apple und Facebook – während der Abriegelungen massive Gewinne erzielt,12 Gewinne, die in geringerem Maße durch Unruhen begünstigt worden sind, die 1 bis 2 Milliarden Dollar an Sachschäden verursacht haben.13 In den drei Monaten von April bis Juni erzielte Amazon „mit einem Quartalsgewinn von 5,2 Milliarden Dollar (4 Milliarden Pfund) den größten Gewinn seit Gründung des Unternehmens im Jahr 1994, und das trotz hoher Ausgaben für Schutzausrüstung und andere Maßnahmen aufgrund des Virus“. Der Umsatz von Amazon stieg in diesen drei Monaten bis Juni um 40 Prozent.

Wie TechCrunch berichtete, verzeichneten Facebook und seine Plattformen WhatsApp und Instagram einen 15-prozentigen Anstieg der Nutzerzahlen, was zu einem Gesamtumsatz von 17,74 Milliarden Dollar im ersten Quartal geführt hat.14 Die Gesamtnutzerzahl von Facebook kletterte im März auf 3 Milliarden, was zwei Drittel der weltweiten Internetnutzer entspricht und einen Rekord darstellt. Die Einnahmen von Apple stiegen im gleichen Zeitraum sprunghaft an, und der Quartalsgewinn stieg im Vergleich zum Vorjahr um 11 Prozent auf 59,7 Milliarden Dollar. „Walmart, der größte Lebensmittelhändler des Landes, meldete für das erste Quartal 2020 einen Gewinnanstieg um 4 Prozent auf 3,99 Milliarden Dollar“, wie die Washington Post berichtete.15

Die Anzahl der Kleinunternehmen hingegen hat sich während der COVID-19-Lockdowns und Black Lifes Matter/Antifa-Aufstände um beinahe die Hälfte reduziert, während die Konzerngiganten sowohl ihren Zugriff auf die Wirtschaft als auch ihre Macht über die Meinungsfreiheit im Internet und darüber hinaus gefestigt haben. Daher könnte es sein, daß COVID-Lockdowns, teilweise Sperrzeiten sowie die Unruhen auch nur den Anordnungen der Planer des Große Neustarts entsprachen, auch wenn ich hiermit nicht andeute, daß sie diese tatsächlich befohlen haben. Wahrscheinlicher ist, daß sie die Gelegenheit ergriffen haben, das Gestrüpp der kleinen und mittleren Unternehmen aus der Wirtschaft zu entfernen, um die Einhaltung der Vorschriften zu vereinfachen und durchzusetzen.

Letztendlich ist der Great Reset nur eine Propagandakampagne und kein Schalter, den die globalistischen Oligarchen nach Belieben bedienen können – auch wenn das WEF ihn als genau das dargestellt hat.16 Ihren Plänen muß mit besseren wirtschaftlichen Ideen und konzertierten Einzelaktionen begegnet werden. Die einzig vernünftige Antwort auf das Projekt des Great Reset besteht darin, sich ihm zu widersetzen, mehr Wettbewerb einzuführen und zu fördern und die vollständige Wiederöffnung der Wirtschaft zu fordern, koste es, was es wolle. Wenn dies bedeutet, daß sich kleinere Produzenten und Händler zusammenschließen müssen, um sich den staatlichen Verordnungen zu widersetzen, dann soll es so sein. Es müssen neue Unternehmensverbände mit dem Ziel den Great Reset zu vereiteln gegründet werden – bevor es zu spät ist.

Quellenangaben:

  • [1] F.A. Hayek, “The Nature and History of the Problem,” in N.G. Pierson and F.A. Hayek, Collectivist Economic Planning (London: Routledge and Kegan Paul, 1963), p. 14.
  • [2] Ibid., p. 15.
  • [4] Klaus Schwab and Thierry Malleret, COVID-19: The Great Reset (n.p.: Forum Publishing, 2020), p. 89.
  • [5] Ibid., p. 78.
  • [7] Hayek, “The Nature and History of the Problem,” p. 23.
  • [8] Ibid., pp. 23–24.
  • [9] “Actually existing socialism” is a term used to describe socialism as it existed in the Soviet Union and elsewhere. It became a pejorative term used sarcastically by dissidents in socialist countries to refer to what life was really like under socialism, rather than in the perfidious books of Marx and his epigones.
  • [16] Schwab, “Now Is the Time for a ‘Great Reset.’”

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Michael Rectenwald ist Autor von elf Büchern, darunter Thought Criminal, Beyond Woke, Google Archipelago und Springtime for Snowflakes. Er ist unter Michael.Rectenwald [at] nyu.edu erreichbar.

Quelle: https://matthewehret.substack.com/p/the-age-of-chatham-house-and-the

Alle mit einem * gekennzeichneten Links wurden zusätzlich eingefügt.

Titelbild: MisesInstitute

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