Ist Erdoğan dabei, Rußland für den Großraum Turan zu zerstören?

 

Von F. William Engdahl
Übersetzung©: Andreas Ungerer

21. Januar 2022, NEO
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan ist berüchtigt für seinen laxen Umgang mit vermeintlichen Verbündeten, sein es nun die NATO oder die EU. Doch seine größte Perfidie scheint sich jetzt gegen die Beziehungen der Türkei zu Putins Rußland zu richten. In den letzten zwei oder mehr Jahren hat Erdoğan im Umgang mit der Ukraine, Armenien, Syrien, Libyen und jetzt in jüngster Zeit bei der gescheiterten Revolution in Kasachstan ein klares Muster gezeigt, bei dem es nicht nur um Opportunismus, sondern tatsächlich um Heimtücke oder Vertrauensmißbrauch geht, also um ein doppeltes Spiel mit Rußland, obwohl das Land in Bezug auf Energie und moderne Waffensysteme von ihm abhängig ist. Die Frage lautet: Warum?

Erdoğan und die gescheiterte Revolution in Kasachstan

Die jüngsten blutigen Unruhen und Angriffe bewaffneter Kämpfer auf den Flughafen von Almaty sowie auf Medien- und Regierungsgebäude in Kasachstan, einschließlich der grausamen Enthauptung von mindestens zwei Polizeibeamten durch ISIS-ähnliche Dschihadisten, zeigen deutlich, daß zwei parallele Destabilisierungsprozesse im Gange waren. Die eine war die anfängliche Fassade friedlicher Proteste gegen die Erhöhung der Treibstoffpreise durch die Regierung des energiereichen Landes, die es Washington und der EU ermöglicht hat, zum „Dialog“ aufzurufen. Diese Proteste wurden von „Menschenrechts“-Aktivisten angeführt, die mit Millionen von Dollar von der mit der CIA verbundenen National Endowment for Democracy*, wahrscheinlich der Soros Foundation in Kasachstan und verschiedenen anderen von der CIA oder dem MI-6 gesteuerten NGOs ausgebildet und gesteuert worden sind. Klar ist, daß es sich um eine Art „Pseudo-Farbenrevolution“ gehandelt hat, hinter der sich ein weitaus üblerer Putschversuch zum Regimewechsel verbarg.

Der weitaus ernsthaftere Angriff ging jedoch von geschätzt 20.000 ausgebildeten Terroristen, einschließlich ausländischer Dschihadisten und von dem Kopf des Organisierte Verbrechen in Kasachstan, Arman Dzhumageldiev, gesteuerten Kriminellen aus. Das ist die zweite gewaltsame Gruppe, der Aufmerksamkeit bedarf. Es scheint, als wäre Erdoğans Nachrichtendienst (MIT) sowie sein Militär gemeinsam mit der CIA und dem MI-6* tief in die Ausbildung und Bewaffnung der Putschisten verwickelt gewesen. Der Herausgeber der Asia Times, Pepe Escobar, erklärt, daß es, laut hochrangigen zentralasiatischen Geheimdienstquellen, eine im südlichen Teil des Geschäftszentrums von Almaty stationierte „geheime“ US-amerikanisch-türkisch-israelische Operationszentrale gab. In dieser „Zentrale“ befanden sich 22 Amerikaner, 16 Türken und 6 Israelis, welche die von den Türken in Westasien ausgebildeten und dann nach Almaty geschleusten Saboteursbanden koordiniert haben.

Erdoğan und die Muslimbruderschaft

Erdoğan hat jahrelang Dschihadisten von Al Qaeda und ISIS (zwei in Rußland verbotene Terrororganisationen) verdeckt innerhalb der Türkei ausgebildet und sie im Geheimen über die Grenze nach Idlib und andere Terrorhochburgen gebracht, um sich dort, im Krieg gegen Bashar al Assad (und de facto gegen die sich dort befindlichen Russen), dem ISIS oder dem syrischen Arm von Al-Qaeda, Jabhat al-Nusra, anzuschließen. Außerdem ist Erdoğan seit Jahren mit der (in Rußland verbotenen) Muslimbruderschaft, jener geheimen politisch-islamistischen Organisation, eng verbunden, die während des Arabischen Frühlings und Jahrzehnte davor mit der CIA und dem MI-6 zusammengearbeitet hat.

Nach dem Militärputsch von Al Sisi im Jahr 2013, durch den die Muslimbruderschaft in Ägypten gestürzt wurde, sind schätzungsweise zwanzigtausend Kader der Bruderschaft von Erdoğans AKP aufgenommen aufgenommen worden und haben Exil in der Türkei erhalten. Seit Katar gezwungen wurde, seine aktive Unterstützung für die geheime Organisation der Muslimbruderschaft zu reduzieren, hat sich Erdoğan zum wichtigsten Unterstützer und Beschützer der Organisation entwickelt. In einem Interview mit dem russischen Fernsehen aus dem Jahr 2020 sagte der syrische Präsident al-Assad, daß „die Ideologie der Muslimbruderschaft und nicht die nationalen Interessen der Türkei der Grund dafür sind, daß Erdoğan illegal Truppen nach Syrien sendet, um in Idlib für Al-Qaeda zu kämpfen.“

Als Erdoğan der großen Organisation des nun im Exil in Pennsylvania lebenden und des im Jahr 2016 fehlgeschlagenen Putsches gegen Erdogan angeklagten Fethulla Gülen zu mißtrauen begann, war klar, daß sich Erdoğan zur Ausweitung seiner neo-osmanischen Ambitionen dem internationalen Netzwerk der Muslimbruderschaft annähern würde. Der Chef von Erdoğans Inlandsgegeimdienst MIT hat, laut dem französischen Journalisten Thierry Meyssan, seit dem Jahr 2003 aktiv an der Verbreitung türkisch dschihadistischer Einflüsse in ehemaligen zentralasiatischen Sowjetrepubliken gearbeitet. Heute ist Istanbul die de facto-Hauptstadt der Muslimbruderschaft.

Das hatte direkte Auswirkungen auf den kürzlichen Putschversuch in Kasachastan. Der Berichten zufolge Schlüsselorganisator am Boden der Angriffe in Almaty und anderer gegen die Regierung von Kassym-Schomart Kemelewitsch Tokajew opponierenden Großstädte war als Mitglied der Muslimbruderschaft bekannte und nun abgesetzte Neffe des ehemaligen Präsidenten Nasarbajew*, Samat Abish. Abish ist nun aus dem Amt des ersten stellvertretenden Vorsitzenden des Nationalen Sicherheitsrats, einer Schlüsselposition, die er im Jahr 2015 von Nasarbajew erhalten hatte, entlassen worden. Die Muslimbruderschaft wird von Ländern wie Ägypten, Barhein, Saudi Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Syrien als Terrororganisation betrachtet.

Der Umstand, daß Erdoğan heute der wichtigste Unterstützer der terroristischen Muslimbruderschaft ist – der de facto-„Mutter“ von Al-Qaida, ISIS und anderen dschihadistischen Gruppen weltweit – sowie die Tatsache, daß Erdoğans MIT zusammen mit dem MI-6, der CIA und dem Mossad heimlich Terroristen in Kasachstan für die Anschläge ausgebildet hat, und daß der Hauptorganisator des bewaffneten kasachischen Aufstands im Januar, Samat Abish, ein bekanntes Mitglied der Muslimbruderschaft ist, deuten darauf hin, daß Erdoğans Rolle bei den jüngsten Ereignissen in Kasachstan weitaus bedeutsamer war, als berichtet wird, obwohl Erdoğan in der Presse seine Unterstützung für Tokajew bekundet hat.

Auffällig ist, daß Richard Moore im Juni 2020 zum Kopf des britischen Auslandsgeheimdienstes MI-6 ernannt worden ist. Moore ist ein Türkei-Spezialist, der in den frühen 1990er Jahren als MI-6 Agent in der Türkei und von 2014-2017 dort als Botschafter gearbeitet hat. Die Rolle des MI-6 gegen Rußland ist offenbar deutlich tiefgreifender, als viele sich vorstellen. Der Umstand, daß ein Türkei-Experte zum Kopf des MI-6 ernannt wurde, ist sehr bezeichnend und deutet darauf hin, daß die angloamerikanischen Geheimdienste Erdoğans Türkei höchstwahrscheinlich dazu benutzen, um den gesamten muslimischen Teil der ehemaligen Sowjetunion zu destabilisieren. Der Opportunist Erdoğan freut sich selbstverständlich darüber, seinen angloamerikanischen Freunden in dieser Angelegenheit zu helfen.

Türkische Drohnen für die Ukraine

Und die Destabilisierung Kasachstans, eines für die russische Sicherheit und Wirtschaft lebenswichtigen Staates im „nahen Ausland“, ist bei weitem nicht der einzige Bereich, in dem Erdoğan Druck auf Putins Rußland ausgeübt hat. In der Ukraine war Erdoğan äußerst provokativ gegenüber Rußland und unterstützte offen den Antrag der Ukraine auf Beitritt zur NATO, eine rote Linie für Moskau. Er hat auch unbemannte bewaffnete türkische Drohnen vom Typ Bayraktar TB2 an Kiew verkauft, um sie gegen die ethnischen Russen im Donbass einzusetzen. Nach dem CIA-Putsch des Jahres 2014 auf dem Maidan in der Ukraine begann Erdoğan, sich Kiew anzunähern. Im April 2021 traf sich der ukrainische Komiker und heutige Präsident, Wolodymyr Selenskyj, mit Erdoğan in der Türkei, um über den Kauf von türkischen Militärdrohnen durch die Ukraine zu sprechen, nachdem diese zuvor im aserbaidschanisch-armenischen Berg-Karabach-Krieg sehr erfolgreich eingesetzt worden sind. Selenskyj bat die Türkei um Unterstützung in ihrem Streit mit Rußland. Erdoğan antwortete, indem er Russlands Annexion der Krim, deren Bevölkerung zu nur 12 % aus Turk-Tataren besteht, als illegal bezeichnet hat.

Erdoğan ist deutlich darum bemüht, die russische Dominanz im Schwarzen Meer, wo die türkische Marine vor 2014 dominiert hat, einzuschränken. Auf einer NATO-Konferenz im Jahr 2021 sagte Erdoğan zu dem NATO-Generalsekretär: „Im Schwarzen Meer sind Sie nicht zu sehen, und ihre Unsichtbarkeit dort macht das Schwarze Meer zu einem russischen See.“ Der größte Erdgasfund der Türkei, von dem sich diese erhofft, die Abhängigkeit von russischen Gasimporten verringern zu können, befindet sich vor der türkischen Schwarzmeerküste. Im Jahr 2020 wurden Gasimporte im Wert von rund 41 Mrd. USD hauptsächlich von der russischen Gazprom über die TurkStream-Pipeline bezogen. Ob der neue türkische Gasfund im Schwarzen Meer, etwa 100 Seemeilen von der türkischen Küste entfernt, wirtschaftlich sein wird, ist noch lange nicht klar und könnte Jahre dauern, was Erdoğans Provokationen gegenüber Rußland noch riskanter macht. Der geschätzte Gasfund würde den Einfuhren von TurkStream von etwa 13 Jahren entsprechen. Aber dieser Fund hat Erdogan in seinem Vorgehen gegen Rußland eindeutig bestärkt.

Das türkische Vorgehen gegen Armenien

Im September 2020 hat die von der Türkei ausgebildete aserbaidschanische Armee einen fragilen Waffenstillstand in der vorwiegend von Armeniern bewohnten Enklave Nagorny-Karabach mit militärischer Gewalt gebrochen. Später wurde bestätigt, daß die nur spärlich vorbereiteten armenischen Streitkräfte nicht nur heftige Rückschläge durch türkische Drohnen erlitten haben, sondern auch, daß der türkische MIT erfahrene dschihadistische Kämpfer aus Syrien in dem Krieg eingesetzt hat, in dem sie Kriegsverbrechen gegen ethnische Armenier verübt haben.

Der Impulsgeber war Aserbaidschans Stationierung tödlicher türkischer Drohnen gegen armenische Ziele. Die in der Türkei produzierten Drohnen haben ukrainische Triebwerke. Der Verlust von armenischem Territorium war nicht nur für Armenien eine demütigende Niederlage, sondern auch für Putin, da Armenien Mitglied in Rußlands Eurasischer Wirtschaftsunion ist. Das hat der Türkei einen gewaltigen Vertrauensvorschuß in ganz Zentralasien verschafft.

RAND und der Große Zusammenschluß von Turan*

Im Jahr 2019 hat die RAND Corporation* in Washington der US Army einen Bericht vorgelegt, der sich zur ernsthaften Destabilisierung Rußlands darauf konzentriert, Moskau bei der Bedrohung der Sicherheit seiner Landesgrenzen zu Interventionen zu zwingen. Abgesehen von weiteren Wirtschaftssanktionen, schlug der Bericht vor, „Rußland militärisch oder ökonomisch zu überfordern, oder das Regime zu veranlassen an innerstaatlichem und/oder internationalem Prestige und Einfluß zu verlieren.“ Der RAND-Bericht hat unter anderem gefordert, die Ukraine im Donbass gegen Rußland aufzurüsten, einen Regimewechsel in Belarus zu fördern, die Unterstützung der Dschihadisten im Kampf gegen das in Syrien stationierte russische Militär zu erhöhen, die Spannungen im Süd Kaukasus, einschließlich Nagorny-Karabachs auszunutzen und den russischen Einflusses in Zentralasien, einschließlich in Kasachstan zu verringern. Ein Großteil des von Washington gedeckten Vorgehens gegen Rußland in den vergangenen drei Jahren entspricht dieser von RAND vorgeschlagenen Strategie.

Im Jahr 2009 hat Erdoğan eine als Kooperationsrat türkischsprachiger Staaten bezeichnete Organisation mit Sitz in Istanbul geschaffen. Zu seinen Mitgliedern zählen Aserbaidschan, Kasachstan, Kirgisistan und die Türkei. Ihr namentliches Ziel besteht, laut ihrer Website, in der Hervorhebung ihrer „gemeinsame Geschichte, Sprache, Identität und Kultur“. Sie bezieht sich auf die Türkei als Erdoğans Großes Turan, einer Art neo-osmanischem Reich, das letztlich den Großteil von Zentralasien, großer Teile des muslimischen Rußlands, die chinesische Provinz Xinjiang, die Mongolei und den Iran umfaßt. Kürzlich zeigte er eine eingerahmte Karte von Groß-Turan, die ihm im November vom Führer der extrem Rechten Partei der Nationalen Bewegung MHP*, Delvet Bahceli, überreicht worden war.

Es ist verständlich, daß Strategen in Washington und London sich über solche Ambitionen Erdoğans erfreut zeigen. Für sie dient Erdoğans Wunsch, der Errichtung einer Großen Turan-Turk Region mit Istanbul als Hauptstadt, einem für die NATO äußerst nützlichem Zweck – der Zerstörung Rußlands als funktionierende Nation und Machtfaktor.

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F. William Engdahl ist strategischer Risikoberater und Dozent. Er hat ein Diplom in Wirtschaftswissenschaften von der Princeton University, ist Bestsellerautor von Werken über Öl und Geopolitik und schreibt exklusiv für das Online-Magazin“New Eastern Outlook”.

Quelle: https://journal-neo.org/…

Alle mit einem * versehenen Links wurden zusätzlich eingefügt oder wiederhergestellt.

Bildquelle: NEO

Zuletzt editiert am 25. Januar 2022.

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