Das Erreichen von Konsens durch die Delphi-Methode

Das Erreichen von Konsens durch die Delphi-Methode:

Wie wir von einer repräsentativen Regierung in eine Bürgerbeteiligung geführt werden

 

Von Lynn M. Stuter / erstveröffentlicht im November1998 im EAGLE FOROM
Übersetzung©: Andreas Ungerer

 

Einführung

Die Delphi-Methode und die Konsensbildung basieren beide auf demselben Prinzip – der hegelschen Dialektik von These, Antithese und Synthese, wobei die Synthese zur neuen These wird. Das Ziel ist eine kontinuierliche Entwicklung zu einer „gemeinschaftlichen Überzeugung“ (Konsens bedeutet, die Einigung auf gemeinschaftliche Ansichten) – des kollektiven Bewußtseins, der ganzheitlichen Gesellschaft, der ganzheitlichen Erde usw.

Durch Thesen und Antithesen werden Meinungen oder Ansichten zu einem Thema präsentiert, um Ansichten und Gegenansichten zu ermitteln.  In der Synthese werden die Gegensätze zur neuen These vereint.  Alle Teilnehmer des Prozesses müssen dann die neue These akzeptieren und unterstützen, indem sie ihre Ansichten ändern, um sich an der neuen These auszurichten.  Durch einen kontinuierlichen Entwicklungsprozeß soll so angeblich die „Einheit des Geistes“ entstehen.

In Gruppensitzungen erweist sich die Delphi-Technik jedoch als eine unethische Methode zur Erzielung eines Konsens bei kontroversen Themen.  Sie erfordert gut ausgebildete Fachleute, die als „Vermittler“ oder „Change Agents“ bekannt sind und die absichtlich die Spannungen zwischen den Gruppenmitgliedern verschärfen, indem sie eine Fraktion gegen eine andere ausspielen, um so einen vorherbestimmten Standpunkt „vernünftig“ erscheinen zu lassen, während gegensätzliche Ansichten lächerlich erscheinen.

In ihrem Buch „Educating for the New World Order“ weist die Autorin und Pädagogin Beverly Eakman mehrfach auf die Notwendigkeit der Machthaber hin, die Illusion aufrechtzuerhalten, daß es „eine Beteiligung der Gemeinschaft an Entscheidungsprozessen gibt, während in Wahrheit unwissende Bürger ausgepreßt werden“.

Die Einstellung oder der Gruppentyp ist für den Erfolg der Technik unerheblich. Der Punkt ist, daß Menschen in Gruppen, die dazu neigen, eine bestimmte Wissensbasis zu teilen, bestimmte identifizierbare Merkmale aufweisen, welche als Gruppendynamiken bezeichnet werden und es dem Moderator ermöglichen, die grundlegende Strategie anzuwenden.

Die Moderatoren oder Change Agents ermutigen jede Person einer Gruppe, Bedenken über die betreffenden Programme, Projekte oder Richtlinien zu äußern. Sie hören aufmerksam zu, regen Gruppenmitglieder zu Beiträgen an, bilden „Arbeitsgruppen“, fordern die Teilnehmer auf Listen zu erstellen und lernen dabei jedes Mitglied einer Gruppe kennen. Sie sind darauf trainiert, die „Anführer“, die „Großmäuler“, „schwache oder unverbindliche Gruppenmitglieder“ sowie diejenigen zu erkennen, die während einer Auseinandersetzung oft die Seiten wechseln.

Plötzlich werden die freundlichen Vermittler jedoch zu professionellen Agitatoren und  zu „des Teufels Advokaten“. Nach dem Prinzip des „teile und herrsche“ spielen sie eine Meinung gegen eine andere aus und lassen diejenigen, die aus dem Takt kommen, „lächerlich, unwissend, plump oder dogmatisch“ erscheinen. Sie versuchen, bestimmte Teilnehmer zu verärgern, wodurch sich die Spannungen verschärfen. Die Moderatoren sind gut ausgebildete psychologische Manipulateure. Sie sind in der Lage, die Reaktionen der einzelnen Mitglieder einer Gruppe vorherzusagen. Personen, die sich der gewünschten Politik oder des gewünschten Programms widersetzen, werden ausgeschlossen.

Die Delphi-Technik funktioniert. Bei Eltern, Lehrern, Schulkindern und Gemeinschaftsgruppen ist sie sehr effektiv. Die „Betroffenen“ merken selten, wenn überhaupt, daß sie manipuliert werden. Wenn sie jedoch einen Verdacht darauf haben, wissen sie nicht, wie sie den Prozeß beenden können. Der Moderator versucht, die Gruppe zu polarisieren, um ein akzeptiertes Mitglied der Gruppe und des Prozesses zu werden. Dann wird das gewünschte Ergebnis präsentiert, und während der Diskussion werden individuelle Meinungen eingeholt. Bald darauf beginnen Mitglieder der zuvor gespaltenen Gruppe, die Idee so anzunehmen, als wäre es ihre eigene, und sie üben Druck auf die gesamte Gruppe aus, um ihren Vorschlag zu akzeptieren.

Wie die Delphi-Methode funktioniert

Der andauernde Gebrauch dieser Technik zur Steuerung der Beteiligung der Öffentlichkeit versetzt diejenigen Menschen in Alarmbereitschaft, die an der von unseren Gründervätern errichteten Regierungsform festhalten. Bemühungen dieser Art in Bildungsfragen und anderen gesellschaftlichen Bereichen haben das entstehende Bild in den Mittelpunkt gerückt.

Es ist noch nicht lange her, als die Stadt Spokane, im Bundesstaat Washington, einen Unternehmensberater für 47.000 Dollar engagiert hat, um den Regierungskurs der Stadtverwaltung zu ändern. Diese Entwicklung hat zu lautstarkem Protest bei der ansässigen Bevölkerung geführt. Der daraus resultierende Handlungsablauf hat eine gespenstische Ähnlichkeit mit dem, was bei der Bildungsreform geschieht. In einem Leitartikel der Zeitung wurde beschrieben, wie Gruppen von vom Wahlrecht ausgeschlossener Bürgern zusammengebracht wurde, um zu „diskutieren“, was ihrer Meinung nach auf der Ebene der Kommunalverwaltung geändert werden sollte. Eine Zusammenstellung der Ergebnisse dieser „Diskussionen“ hat die Arbeit der Verfasser der der Stadt-/Gemeindeordnung beeinflußt.

Das klingt harmlos. Aber was in Spokane tatsächlich passiert ist, geschieht in Gemeinden und Schulbezirken im ganzen Land ebenso. Lassen Sie uns den Prozeß, der bei diesen Treffen stattfindet, noch einmal Revue passieren.

Zunächst wird ein Moderator angeheuert. Während dessen Arbeit neutral unabhängig sein sollte, ist tatsächlich das Gegenteil der Fall. Der Moderator hat die Aufgabe eine zuvor beschlossene Entscheidung herbeizuführen.

Der Moderator beginnt damit, die Gruppe zu bearbeiten, um ein Gut-Böse-Szenario zu schaffen. Jeder, der mit dem Moderator nicht einverstanden ist, muß als Bösewicht erscheinen, wobei der Moderator als der Gute dastehen muß. Um dies zu erreichen, sucht der Moderator diejenigen aus, die Widerstand leisten, und läßt sie töricht, ungeschickt oder aggressiv aussehen, was die klare Botschaft an den Rest der Zuhörer ausstrahlt, daß sie, um einer solchen Behandlung zu umgehen, schweigen müssen. Wenn die Opposition ausgemacht und verunsichert worden ist, wird der Moderator zum Guten – zu einem Freund – und die Tagesordnung und die Richtung des Treffens können festgelegt werden, ohne daß die Zuhörer je merken, was eigentlich geschehen ist.

Als nächstes werden die Teilnehmer in kleinere Gruppen von sieben oder acht Personen aufgeteilt. Jede Gruppe hat ihren eigenen Moderator. Die Gruppenleiter steuern die Teilnehmer, um vorgegebene Themen zu diskutieren, wobei sie die gleiche Taktik wie der leitende Moderator anwenden.

Die Teilnehmer werden ermutigt, ihre Ideen und Meinungsverschiedenheiten zu Papier zu bringen, wobei die Ergebnisse später zusammengestellt werden sollen. Wer macht diese Zusammenstellung? Wenn Sie die Teilnehmer nachfragen, hören Sie normalerweise: „Diejenigen, die das Treffen leiten, haben die Ergebnisse zusammengestellt.“ Ach nein! Die nächste Frage lautet: „Woher wissen Sie, daß Ihre Vorschläge, in das Endergebnis eingeflossen ist? Die typische Antwort darauf lautet: „Nun, darüber habe ich mich auch schon gewundert, denn das, was ich notiert habe, scheint dort nicht eingeflossen zu sein. Ich schätze, daß meine Ansichten der Minorität angehörten.“

Das ist die Crux an der Situation. Wenn 50 Personen ihre Ideen einzeln aufschreiben, um sie später zu einem Ergebnis zusammenzuführen, weiß niemand, was die anderen geschrieben haben. Daß das Endergebnis eines solchen Treffens überhaupt den Input der anderen widerspiegelt, ist höchst fraglich, und das gilt auch, wenn der Moderator die Kommentare der Gruppe aufschreibt. Jedoch wird dieser Prozeß von den Teilnehmern solcher Treffen in der Regel nicht hinterfragt.

Warum werden solche Treffen überhaupt abhalten, wenn die Ergebnisse bereits feststehen? Die Antwort ist, daß es für die Akzeptanz der Agenda für den Übergang von der Schule in den Beruf oder der Umwelt-Agenda oder welche Agenda auch immer, unerläßlich ist, daß gewöhnliche Menschen die Verantwortung für die vorgegebenen Ergebnisse übernehmen. Wenn die Menschen glauben, daß eine Idee die ihre ist, werden sie sie unterstützen. Wenn sie glauben, daß ihnen eine Idee aufgezwungen wird, werden sie sich ihr widersetzen.

Die Delphi-Methode wird sehr effektiv eingesetzt, um unsere Regierung von einer repräsentativen Demokratie, in der gewählte Personen das Volk vertreten, in eine „partizipative Demokratie“ zu verwandeln, in der es den ausgewählten Bürgern erleichtert wird, sich vorgegebene Ergebnisse zu eigen zu machen. Diese Bürger glauben, daß ihr Beitrag für das Ergebnis wichtig ist, während in Wahrheit das Ergebnis bereits von anderen festgelegt worden ist, die den Teilnehmern unbekannt sind.

Wie läßt sich die Delphi-Methode entschärfen?

Die Versuche eines Moderators das Ergebnis einer Konferenz in eine bestimmte Richtung zu lenken, lassen sich auf in drei Schritten entschärfen.

  1. Treten Sie stets freundlich, höflich und zuvorkommen auf. Lächeln Sie. Vermeiden Sie es, ihre Stimme angriffslustig oder aggressiv erscheinen zu lassen.
  2. Bleiben Sie konzentriert. Wenn möglich, schreiben Sie Ihre Gedanken oder Fragen auf. Wenn Moderatoren Fragen gestellt bekommen, die sie nicht beantworten wollen, schweifen sie oft vom eigentlichen Thema ab und versuchen stattdessen den Fragesteller in die Defensive zu drängen. Fallen Sie nicht auf diese Taktik herein. Bringen Sie den Moderator höflich zu Ihrer Ursprungsfrage zurück. Wenn er sie so umformuliert, dass sie zu einer anklagenden Aussage wird (eine beliebte Taktik), sagen Sie einfach: „Das war nicht meine Frage. Meine Frage lautete, . . .“ und wiederholen Sie Ihre Frage.
  3. Sein Sie hartnäckig. Wenn es ihnen nicht gelingt, Sie in die Defensive zu drängen, greifen Moderatoren oft auf lange, mehrere Minuten dauernde Monologe zurück. In dieser Zeit vergißt die Gruppe in der Regel die gestellte Frage, was der Sinn dieser Taktik ist. Lassen Sie den Moderator ausreden und antworten dann mit höflicher Beharrlichkeit: „Aber Sie haben meine Frage nicht beantwortet. Meine Frage lautete, . . .“ und wiederholen Sie Ihre Frage.

Reagieren Sie unter keinen Umständen zornig. Ihr Zorn auf den Moderator wird ihn umgehend zum Opfer machen. Das verfehlt den Zweck. Das Ziel der Moderatoren besteht darin, die Mehrheit der Gruppenmitglieder dazu zu bringen, sie zu mögen, und jeden zu verprellen, der eine Bedrohung für die Umsetzung ihrer Agenda darstellen könnte. Menschen mit festen, festen Überzeugungen, die sich nicht scheuen, für das einzutreten, woran sie glauben, sind eine offensichtliche Bedrohung. Wenn ein Teilnehmer zum Opfer wird, verliert der Moderator sein Gesicht und zieht es vor, sich der Meinung der Gruppe anzuschließen. Aus diesem Grund werden Gruppen in Grüppchen von sieben oder acht Personen aufgeteilt und die Vorschläge werden eher aufgeschrieben als laut formuliert, da sie so zur öffentlichen Diskussion stehen würden. Dieses Vorgehen wird Massenkontrolle genannt.

Verteilen Sie bei einem Treffen zwei oder drei Personen, welche mit der Delphi-Methode vertraut sind, in der Menge, so daß sie aufstehen und höflich darauf hinweisen können, wenn der Moderator von einer Frage abschweift: „Aber Sie haben die Frage der Dame oder des Herrn nicht beantwortet.“ Selbst wenn der Moderator vermutet, daß bestimmte Gruppenmitglieder zusammenarbeiten, wird er die Menge nicht durch Anschuldigungen verprellen wollen. Gelegentlich braucht es nur einen Vorfall dieser Art, im die Gruppe herausfinden zu lassen, was vor sich geht.

Entwickeln Sie vor der Konferenz einen Handlungsplan. Alle Mitglieder ihrer Gruppe sollten ihre Aufgaben kennen. Später analysieren Sie was erfolgreich war und was nicht, und was beim nächsten Mal geschehen muß. Entwerfen Sie Ihre Strategie niemals während eines Treffens.

Eine beliebte Taktik von Moderatoren bei Widerstand besteht darin, die Konferenz zu unterbrechen. Während der Unterbrechung beobachtet der Moderator und seine Späher (Menschen, die die Teilnehmer im Verlauf einer Konferenz beobachten) die Menge, um herauszufinden  wer sich zu welcher Gruppe gesellt, insbesondere zur Gruppe der Widerständler.

Wenn sich die Widerständler an einem Ort versammeln, wird sich ein Späher bemühen an deren Gespräch teilzunehmen, um anschließend dem Moderator darüber zu berichten. Bei Fortsetzung der Konferenz wird der Moderator die Opponenten unbeachtet lassen. Meiden Sie Begegnungen untereinander und gesellen Sie sich zu den Moderatoren und Spähern. Halten Sie Abstand von Ihren Gruppenmitgliedern.

Diese Strategie funktioniert auch in Vier-Augen-Gesprächen mit jedem in der in der Delphi-Methode geschulten Gegenüber.

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Lynn Stuter ist Bildungsforscherin im Bundesstaat Washington.

Erstveröffentlicht im November 1998 bei EagleForum.org.

Quelle: http://www.mnforsustain.org/media_delphi_technique_of_disinformation_stuter_l.htm#How%20the%20Delphi%20Technique%20Works

 

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